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They selling us like fish

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Folgenden Text habe ich bereits Ende Oktober 2016 für den evangelischen pressedienst (epd) geschrieben. Leider ist das, was mir der 18jährige Bubaka aus Gambia an Bord der Sea Watch-2 über sein Schicksal in der Hölle der Lager in Libyen erzählte, immer noch aktuell. Ich hoffe es geht ihm gut und das es mit seinem Traum geklappt hat.
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They selling us like fish
Bubaka war 15 Jahre alt, als er mit einem Freund aus seinem Heimatort Serekunda in Gambia aufgebrochen ist – in eine lebenswerte Zukunft in Europa. Das war 2014. In Serekunda, der mit ca. 70.000 Einwohnern größten Stadt im westafrikanischen Gambia, hatte er sich als Jugendlicher als Taxifahrer durchgeschlagen. Irgendwann reichte das Geld nicht mehr aus um seine Familie zu ernähren.
Als er von der Besatzung der Sea Watch-2 am 27. Oktober 2016 vor der libyschen Küste gerettet wird ist er 18. Es war sein dritter Anlauf über das Mittelmeer zu gelangen. Was er seit seinem Aufbruch erlebt hat, kann er kaum in Worte fassen. Seinen Weg bis nach Libyen mag er nicht beschreiben. Er zeigt ein verwaschenes T-Shirt, auf dem alle Menschen, die ihn auf seinem Weg länger begleitet haben, ihren Namen geschrieben haben. Das T-Shirt ist übersät mit Namen. „Von ihnen haben es nicht alle bis Libyen geschafft“ erzählt er und einige von ihnen haben die fürchterlichen Umstände in Libyen nicht überlebt, so auch sein Freund mit dem zusammen er sich auf den Weg gemacht hatte.

Er war froh, als er vor zwei Jahren seine erste Passage in einem Schlauchboot bekommen hat. Diese musste er sich hart erarbeiten. Wo und was er dafür tun musste mag er nicht erzählen. Zu tief sitzt die Angst vor seinen Peinigern und er schämt sich. Nach einigen Stunden wurde das überfüllte Schlauchboot von der libyschen Küstenwache, der Libyan Coast Guard, aufgebracht und zurück nach Libyen geschleppt. Push-Back werden diese Aktionen genannt. Bubaka und die anderen wurden vor die Wahl gestellt, entweder zahlen sie jeweils 2.000,- US $ oder sie kommen ins Gefängnis. Die Menschen werden von den Soldaten gezwungen in ihrer Heimat Freunde oder Verwandte anzurufen, ihnen eine Bankverbindung zu übermitteln und nur wenn dann binnen einiger Stunden das Geld eingegangen ist bleibt ihnen das Gefängnis erspart. Menschen die diese Möglichkeit nicht haben werden sofort eingekerkert. Allerdings bedeutet die Zahlung des Lösegeldes nicht, dass die Menschen frei sind. Die Mitglieder der Küstenwache verkaufen sie an Menschenhändler, welche sie dann in extra dafür eingerichtete Lager erneut für sich so lange arbeiten lassen, bis sie sich einen nächsten Versuch über das Meer nach Europa zu gelangen leisten können. „They selling us like fish“, sagt Bubaka.
Bubaka hatte niemanden den er anrufen konnte. Er landete in einem Gefängnis, musste über Monate in einem 3m tiefen Erdloch kauern, immer wieder erniedrigt durch die Wärter. Nach einem Jahr wurde er aus dem Gefängnis „entlassen“. Jedoch nicht in die Freiheit. Auch er wurde an die Menschenhändler verkauft. Wieder musste er seine Überfahrt erarbeiten, wieder scheiterte der Versuch nach Europa zu gelangen an der Küstenwache und wieder begann die Tortur in Libyen.
Sea Watch | 13. SAR-Mission

Bubaka aus Gambia. Mit 15 Jahren geflohen, in Libyen 2x in die Hölle der Sklavenlager geraten, mit 18 Jahren aus dem Mittelmeer gerettet.

Push-Back Aktionen und Engine-Fishing
Es ist ein einträgliches Geschäft für die Mitglieder der Küstenwache mit ihren Push-Back Aktionen kurz vor der 12 Meilenzone (ca. 22 Km vor der Küste noch im libyschen Hoheitsgebiet) die Flüchtlingsboote aufzubringen und zurück an Land zu bringen. Zum kläglichen Gehalt, welches manchmal auch gar nicht gezahlt wird, lassen sich so mit geringem Aufwand einige Dollar dazuverdienen. Für die Geflüchteten ist es der sichere Weg zurück in die libysche Hölle. In TV-Beträgen wird der erste Teil dieser Aktionen dann vor laufender Kamera als humanitäres Eingreifen gefeiert. Der eher unappetitliche Teil – der Verkauf der Menschen – der passiert dann, wenn die Kamerateams nicht mehr da sind.
Ebenso ist es ein einträgliches Geschäft den Booten die Aussenbordmotoren zu stehlen. Sogenannte „Engine-Fisher“ arbeiten hier eng mit den Menschenhändlern zusammen. Sie verfolgen die Flüchtlingsboote mit ihren kleinen und wendigen Schnellbooten häufig schon vom Strand aus und wenn diese in Reichweite von Hilfsorganisationen wie Sea Watch, Jugend Rettet, Ärzte ohne Grenzen oder Save the Children sind, werden die Aussenbordmotoren kurzerhand abgebaut und die Menschen treiben dann hilflos im Meer. Das geschieht durchaus in Absprache oder gar Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache. Immer wieder wurden von den Hilfsorganisationen auch Küstenwachenschiffe beobachtet, welche entweder die Engine-Fisher gewähren liessen oder gar selber Hand anlegten und Motoren stahlen. Zu welch einem Desaster dies führen kann, haben die Ereignisse am Freitag den 21. Oktober gezeigt, als ein überfülltes Schlauchboot mit etwa 150 Menschen von der Sea Watch entdeckt wurde. Die Rettungsaktion wurde durch die libysche Küstenwache verhindert, das Schlauchboot an das Küstenwachenschiff gezogen und ein Soldat machte sich am Motor zu schaffen. Dabei geriet der vordere Teil des Schlauchbootes unter eine Stahlplattform des Küstenwachenschiffes. Spätere Fotoaufnahmen zeigen, dass an dieser Stelle die Gummihaut des Schlauchbootes beschädigt wurde. Bis zu 30 Menschen ertranken als der Bug des Flüchtlingsbootes seine Luft verlor und die Menschen ins Wasser rutschten oder in Panik geraten ins Wasser sprangen um die Sea Watch und deren Rettungsboote zu erreichen. Nur 4 Leichen konnten geborgen werden.
Der Verkauf der Motoren rentiert sich doppelt. Die Menschenhändler zahlen nicht schlecht für jeden gestohlenen Motor und können so ihre Aussenbordmotoren ein zweites Mal nutzen. Die patrouillierenden EU-Kriegsschiffe hindern weder die Engine-Fisher noch die Küstenwache an diesem Treiben. Sollte tatsächlich einmal ein Schiff der Frontex-Mission selber Geflüchtete aus Seenot retten, werden die Schlauchboote den Engine-Fishern überlassen, welche während der Rettungsaktion wie Haifische die Szenerie umkreisen um auf ihren Augenblick zu warten.
Bubakas Glück
Bubaka hatte am Morgen des 27. Oktober Glück. Bei seinem dritten Versuch wurden er und ca. 130 weitere Flüchtende von der Sea Watch gerettet. Ihr Schlauchboot schaffte es in die 24 Meilenzone, welche als internationales Gewässer gilt. Zuvor sind sie von einem der Lager in Libyen mit Stoffsäcken über dem Kopf an den Strand gefahren worden. Sie sollten nicht sehen wo es lang geht, damit sie bei späteren Befragungen keine Hinweise geben können. Am Strand angekommen mussten sie sich im Sand eingraben und abwarten bis sie das Signal bekommen zu einem Schlauchboot zu laufen. Das kann durchaus ein bis zwei Tage dauern. Bubaka musste nur eine Nacht warten. Um kurz vor 4.00 Uhr kam das ersehnte Zeichen und er und die anderen rannten zum Boot. Wer zu langsam ist hat Pech. Einem Menschen an Bord wurde ein Handy in die Hand gedrückt, mit dem er nach einer bestimmten Zeit die Nummer des Maritime Rescue Coordination Centre in Rom, kurz MRCC Rome, anrufen sollte. Diese nationale Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung, in Italien beim Verkehrsministerium angegliedert, gibt die GPS-Standortangaben, die durch das Handytelefonat automatisch übermittelt werden, an die Schiffe in der Region weiter und die machen sich dann auf die Suche. In Bubakas Fall war das die Sea Watch-2.
Bubaka träumt davon, bis nach Deutschland zu kommen. Er möchte einen Beruf lernen. „Etwas womit ich Geld verdienen kann“ und er möchte Fußball spielen. „Kennst du Michael Ballack?“ fragt er. „DER kann spielen! So gut möchte ich auch werden.“
© epd/Christian Ditsch, 11/2016

Autor: Christian Ditsch

Freelance Photojournalist • Based in Berlin

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