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Auf der Sea Watch-2 | 1.11.2016 | Teil 5 & Schluss

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Jesus, Allah und 30 Stunden Achterbahn

Wir sind seit zwei Tagen zurück im Hafen von Valetta. Dreizehn Tage war die Crew 13 auf See. Passt. Die ersten von uns sind schon wieder weitergereist – Urlaub in Peru, nach Hause oder Job in Bhutan.
Die knapp zweitägige Rückfahrt hat uns noch einmal alles abverlangt. 30 Stunden Sturm mit Windstärke 8 und ca. 5m hohen Wellen. Das war wie Achterbahn fahren, nur ohne Eintritt zu zahlen und nach 10 Minuten ist die Fahrt nicht vorbei.

Unser letzter Rettungseinsatz war, nach all den Toten in den Tagen zuvor, wie ein kleines Geschenk. Das mag für Außenstehende komisch klingen, für uns war es genau das. Endlich wieder Menschen retten und nicht Leichen bergen. Den Anblick einer Frau, die mehrere Tage tot im Meer treiben musste, das kann sich kein Mensch ernsthaft vorstellen. Ich will das auch nicht beschreiben. Der Anblick von 18 Leichen die auf dem Boden eines Schlauchbootes liegen und später mit einem Kran auf auf die „Voz Hestia“ von „Save the Children“ gezogen werden, das ist erschreckend und entwürdigend. Dennoch habe ich mich gewundert, wie „normal“ für mich der Anblick von Leichen in so kurzer Zeit geworden ist. Auch wenn ich kein einziges Foto davon gemacht habe. Aus Respekt den Menschen gegenüber, die einmal in diesen jetzt entstellten Körpern gelebt, gelacht, gestritten und geliebt haben.

Gegen Morgen haben wir vom MRCC aus Rom Koordinaten von einem Boot bekommen. Das Boot war eines der wenigen, die ein Handy dabei hatten um nach dem Ablegen beim MRCC anzurufen. Dabei werden automatisch die GPS Positionsdaten übertragen. Es ist unklar was für ein Boot, wie viele Menschen an Bord sind und wie der Zustand des Bootes ist. Nach 2 Stunden Fahrt entdecken wir in der Nähe der uns genannten Koordinaten ein Schlauchboot. Mit ca. 130 Menschen zum Glück nicht ganz so schlimm überfüllt wie die anderen Boote die wir hatten. Die Routine unserer Vorbereitungen läuft, als wären wir seit Monaten gemeinsam unterwegs. Die Rettungsboote ins Wasser kranen, Wasserflaschen für die Menschen vorbereiten, die Bigbags mit Schwimmwesten bereitstellen. Alle wissen im Schlaf, was zu tun ist. Ein Team.
Tender 1 fährt wie immer für die erste Kontaktaufnahme zum „Rubber“, wie wir die Flüchtlingsschlauchboote mittelweile nennen. Per Funk wird dem Mutterschiff dann gesagt wie der Zustand des Bootes und der Leute ist, ob Verletzte oder gar Tote an Bord sind, wie viele Frauen und Kinder und wie die „Stimmung“ ist – ruhig, panisch, aggressiv unter einander, oder friedlich. Die erste Meldung lässt uns aufatmen, keine Toten, alle wohlauf, zwei Kinder, etwa 20 Frauen, sehr ruhige Stimmung und friedlich. Optimalste Rettungsbedingungen. Tender 2 bringt die Bigbags mit Rettungswesten und die Verteilung läuft so ruhig wie selten auf dieser Tour. Unsere Tender-Besatzungen werden von den Menschen beklatsch und bejubelt, so dass einige von uns auf dem Mutterschiff einen Kloß im Hals haben. Entgegen manch anderer Rettungen entscheidet sich unser Head of mission die Menschen direkt aus ihrem Schlauchboot auf die Sea Watch-2 abzubergen. Zuvor werden die beiden Kinder geholt. Es ist sicherer für sie. Unsere Tender sichern das ganze von außen ab. An Bord fallen die ersten Menschen vor Glück weinend auf die Knie und es wird wahlweise Jesus, Allah oder Gott gedankt. Als alle auf dem Schiff sind fängt eine Gruppe Geflüchteter spontan an zu singen und tanzen. Unsere kleinen Lautsprecher werden von der Brücke geholt und es wird Reggae gespielt. Die vollkommen erschöpfte Mutter der zwei Kinder ist froh, dass wir uns um die beiden kümmern und die beiden allem Anschein nach auch. Sie werden die kleinen Stars an Bord und erobern unsere Herzen im Flug. Das Schiff ist voll mit glücklichen Menschen – den geretteten und uns. Die Schicksale die uns erzählt werden sind dabei alles andere als schön. Für viele war es mittlerweile der dritte Versuch aus Libyen zu entkommen, beide Male vorher sind sie von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück zu den Trafficern gebracht worden. Die Besatzungen der Küstenwachenboote verdienen gut an diesen „Push-Back“ Aktionen. Die Menschenhändler zahlen ihnen viel Geld für jeden Menschen den sie weiter auspressen können. Das ist nichts neues und schon gar kein Geheimnis, aber die Bundesregierung findet das anscheinend ok so. Warum sonst soll die Küstenwache jetzt Geld, Waffen und Ausbildung von den europäischen Staaten bekommen. So werden aus schlecht bezahlten Mördern und Erpressern mit Steuergeldern eben mäßig bezahlte. Wenn das kein Fortschritt ist.

Sea Watch | 13. SAR-Mission

Essen kochen für 130 Menschen an Bord. Eine großartige Leistung des Crew-Koch. 27.10.2016, Mediterranean Sea

Wir haben jedoch ein Problem mit den Menschen. Wir müssen für sie recht bald ein Schiff finden welches sie nach Italien bringt. Ein Sturm wird erwartet und der soll heftig werden. Wir haben Glück und über Funk wird uns der italienische Versorger „Asso Venticinque“ genannt den wir ansteuern und unsere Geflüchteten übergeben. Dann ein Funkspruch von der „Juventa“, dem Schiff der Organisation „Jugend rettet“. Sie haben fast 300 Menschen an Bord, kaum noch Vorräte um die Menschen zu versorgen und müssen ebenfalls zusehen, dass sie die Menschen loswerden bevor das Wetter noch schlechter wird – die See ist mittlerweile schon ziemlich rauh geworden. Unser Kapitän und der Head of mission sagen sofort Unterstützung zu und die „Asso Venticinque“ nimmt mit uns Kurs auf die „Juventa“. Dort angekommen ist es mittlerweile stockdunkel und wir können nur unseren großen Tender 1 zu Wasser lassen. Fast vier Stunden dauert das verbringen der Menschen von der „Juventa“ zum Versorger, der sich ziemlich unkooperativ zeigt. Weder dreht der Kapitän das Schiff so in den Wind, dass die Menschen im Windschatten die Leiter hochklettern können, noch helfen die Leute an Bord den erschöpften Menschen beim hochklettern. Frontex at its best! Aber wahrscheinlich wird in italienischen Medien nach dem Einsatz stehen, „Der Versorger „Asso Venticinque“ hätte 500 Menschen gerettet“ so wie die Bundeswehr es nach solchen Aktionen gerne voller Stolz vermeldet.

Das war für uns der letzte Einsatz während dieser Mission, die Heimreise wird dann zur beschriebenen Achterbahnfahrt.

In Valetta heißt es dann klar Schiff machen. Der Sturm hat etliches ziemlich durcheinander geworfen und auch die 13 Tage im Einsatz haben nicht nur bei uns ihre Spuren hinterlassen. Wir sind alle auf eine gewisse Art wehmütig dass der Einsatz nun vorbei ist. Unser Kapitän auch. „Immer wenn eine Crew grade richtig gut funktioniert muss sie von Bord.“ Und grinsend fügt er hinzu „Dabei habe ich noch nie eine Crew gehabt, wo so viele Mitglieder nicht einmal einen richtigen Knoten machen können.“ Einige Knoten haben wir gelernt und auch ansonsten hat er uns viel, sehr viel beigebracht. Nicht nur was Seefahrt angeht, auch was Solidarität ist. Wenn ich die Chance bekomme und die Umstände passen, ich würde sofort mit ihm und der Crew wieder rausfahren. Was tun!

1.11.2016, Valetta/Malta

Autor: Christian Ditsch

Freelance Photojournalist • Based in Berlin

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