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Auf der Sea Watch-2 | 24.10.2016 | Teil 4

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Politische Manöver und Desinfektion

 

Der tragische Verlauf unseres Einsatz am Freitagmorgen mit ca. 30 Toten hat in Deutschland anscheinend ziemliche Wellen geschlagen. Das konnte natürlich nicht ohne Reaktion durch politische Stellen bleiben. Gestern wurde ein“Erfolgsmeldung“ der Marine gedruckt, in der behauptet wird das Kriegsschiff „Werra“ hätte über 800 Menschen gerettet. Liest sich ja ganz nett, aber entspricht das der Wahrheit? In der Regel nicht. Das Militär hier im Mittelmeer rettet keine Menschen. Die Kriegsschiffe umkreisen tatenlos folgende Szenenerie: Dutzende Schlauchboote mit Menschen in Seenot werden von Hilfsorganisationen wie Sea Watch, Jugend rettet, MSF, MOAS, … mit Schwimmwesten versorgt und aus ihren lebensgefährlichen Booten abgeborgen.

Geflüchtete an Bord der Sea Watch-2. 23.10.2016, Mediterranean Sea

Geflüchtete an Bord der Sea Watch-2. 23.10.2016, Mediterranean Sea

Irgendwann sind die Schiffe der NGOs z.T. komplett überfüllt. Unhaltbare Zustände an Bord, Mannschaften die die Menschen ärztlich und mit Wasser und Essen versorgen. Ein Funkspruch nach dem anderen wird gesendet, in dem darum gebeten wird die Menschen endlich zu übernehmen. Irgendwann kommt dann ein Kriegsschiff heran. Die Soldaten auf den Beibooten sind gekleidet als fahren Sie in ein Seuchengebiet. Dann folgt jede Menge Papierkram derweil die Geflüchteten uns immer wieder verunsichert fragen, ob dies das Schiff sei, welches sie nach Italien bringt. Irgendwann ist dann das letzte Formular geprüft und die Menschen dürfen in die Beiboote übersteigen. Für die Militärs und die Politik gilt dieser Shuttleservice dann als Rettung und die Erfolgsmeldung von über 800 Geretteten binnen zwei Tagen kann raus. Das ist ein solcher Schwindel, dass ich fassungslos bin. Die NGOs retten in dieser Zeit das vier bis fünffache an Menschen aus dem Wasser. Politik halt.

 

Nachdem wir seit Donnerstag den 20. Oktober defacto dauernd im Einsatz waren, sind wir in der Nacht zu Sonntag Richtung Norden aus dem Suchgebiet gefahren. Die Sea Watch-2 war so voll mit geretteten Menschen, dass es teilweise nicht möglich war auf Deck zu laufen. Es war ein balancieren an der Reling mit festhalten wo es nur geht um nicht auf Männer, Frauen und Kinder zu treten. Am Nachmittag sind unsere etwa 170 Menschen an Bord von spanischem Militär „gerettet“ worden.
Für uns begann damit das große Aufräumen. Unzählige Wasserflaschen und die silber-goldenen Rettungsdecken einsammeln, unbrauchbare von brauchbarer Kleidung zum waschen trennen und gefühlte 1.000 Rettungswesten zum waschen und desinfizieren vorbereiten. Irgendwann fallen alle erschöpft in ihre Koje. Vorher gab es als Überraschung einen großartigen veganen Apfelkuchen von unserem Koch. Was wären wir ohne ihn!

Hunderte Rettungswesten haengen nach der Waesche zum trocknen auf Deck. 24.10.2016, Mediterranean Sea

Hunderte Rettungswesten hängen nach der Wäsche zum trocknen auf Deck. 24.10.2016, Mediterranean Sea

Heute dann Rettungswesten waschen und desinfizieren. Jeder Meter an Deck mit Tau bespannt auf dem die knallorangen Dinger zum trocknen hängen.

 

Am Nachmittag dann bekommen wir mit, dass in unserem Suchgebiet schon wieder über ein Dutzend Flüchtlingsboote treiben. Unsere dringend notwendige Pause sollte ursprünglich noch zwölf Stunden dauern. Sollte. Das Schiff wird klar gemacht, die Rettungswesten in Bigbags verstaut und Kurs Richtung Süden gesetzt. Um 7.00 werden wir aller Voraussicht wieder im Einsatz sein.
Wann wird es endlich sichere Wege für die Menschen geben?

Autor: Christian Ditsch

Freelance Photojournalist • Based in Berlin

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